{"id":597,"date":"2006-08-12T14:18:05","date_gmt":"2006-08-12T14:18:05","guid":{"rendered":"http:\/\/www.ullarike.de\/?p=597"},"modified":"2011-09-25T08:18:46","modified_gmt":"2011-09-25T08:18:46","slug":"lehmann","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.ullarike.de\/?p=597","title":{"rendered":"Lehmann"},"content":{"rendered":"<p>Wer ist Lehmann? Lehmann ist &#8230; nein war der Weggef\u00e4hrte meiner  besten Freundin Tanne. Sie hat aufgeschrieben, wie sie zusammen in ihren  ersten gemeinsamen Urlaub starteten. Es sollte ihr einziger bleiben &#8230;<\/p>\n<p>Ich sortiere schnell noch meine eigenen Urlaubsfotos<br \/>\nund w\u00fcnsche viel Vergn\u00fcgen beim Lesen.<br \/>\nRike<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>21.07.2005<br \/>\n<strong>Lehmann<\/strong><\/p>\n<p>Ich bin ersch\u00f6pft.<br \/>\nBin in N\u00fcrnberg angekommen.<br \/>\nAber wie?<br \/>\nAber wie!<\/p>\n<p>Ich muss nachher meine Eltern anrufen und  sie darauf hinweisen, dass sie ihre ureigensten Produkte, die sie auch  noch mutig an Bed\u00fcrftige verborgen, nicht wirklich kennen. Als  Entschuldigung kann ich nur gelten lassen, dass meine lieben Alten  reineweg mit dem Auto unterwegs sind.<\/p>\n<p>Warum?<\/p>\n<p>Man stelle sich folgende Konstellation vor:  Ich sitze inmitten von 127 Taschen bwz. Koffern in einem Caf\u00e9 und w\u00fcrde  eigentlich lieber rumwuseln und von Gesch\u00e4ft zu Gesch\u00e4ft h\u00fcpfen. Aber  auch das w\u00e4re mit vielen, aber funktionalen Koffern zu handeln. W\u00e4re da  nicht das Kernst\u00fcck meines Gep\u00e4cks: mein KOFFER.<\/p>\n<p>Ahnungslos wie ich war, hatte ich meine  Eltern gefragt, ob sie nicht einen ad\u00e4quaten f\u00fcr mich h\u00e4tten. Das  Schicksal nahm seinen Lauf: sie sagten &#8222;Ja.&#8220;<\/p>\n<p>Nennen wir den Koffer im folgenden doch einfach &#8222;Lehmann&#8220;.<br \/>\nLehmann trat gestern in mein Leben.<\/p>\n<p>Sah er auf den ersten Blick harmlos aus,  entpuppte er sich bereits in meinem Hausflur als wahres Auffangbecken  f\u00fcr all meine Fl\u00fcche und Verw\u00fcnschungen, die mir so am fr\u00fchen Morgen  einfielen. Zu sp\u00e4t. Der Weg zum Bahnhof zu weit, um flexibel reagieren  zu k\u00f6nnen. Zu sp\u00e4t, um in einem Anfall von Kreativit\u00e4t ein ausweichendes  Modell f\u00fcr all meine n\u00fctzlichen und sicher auch vollkommen \u00fcberfl\u00fcssig  eingepackten Sachen in den unendlichen Tiefen meiner Schr\u00e4nke zu finden.<\/p>\n<p>Ich hatte also Lehmann.<br \/>\nOder besser gesagt, er hatte mich.<br \/>\nVom Prinzip her nur ein Koffer.<br \/>\nJa. Ein Koffer.<\/p>\n<p>Eben so, wie man sich einen Koffer  vorstellt: ein Stoffvehikel mit einem Henkel, einem Griff zum Ziehen und  R\u00e4dern. Theoretisch ein ausgefeiltes Produkt des neuen Jahrtausends.  Aber wie so oft liegt der Teufel im Detail: Lehmann erwies sich als  penetrant unanst\u00e4ndig.<\/p>\n<p>Zog ich ihn z\u00fcgig, kam er ins Schlingern.  Zog ich ihn langsam, kam ich zum einen nicht von der Stelle (was ja  nicht wirklich in meinem Sinn sein konnte) und zum anderen kippte er  dann einfach langsam zur Seite. Er passte sich also in seiner  Fallgeschwindigkeit einfach meiner Zugkraft an. Dass er fiel, stand  nicht zur Debatte.<\/p>\n<p>Ich bin flexibel. Daher kam mir der Gedanke  (da die Zugkraft ja offensichtlich nicht zum Miss- oder Gelingen eines  z\u00fcgigen Vorw\u00e4rtskommens beitrug), die Zugh\u00f6he zu variieren. Zun\u00e4chst  schlich ich mit leicht gebeugtem Oberk\u00f6rper und witterte R\u00fcckenwind. Zu  fr\u00fch gefreut: der Bordstein war hoch und Lehmann fiel mit der gesamten  v=s\u00b7t auf die Huckelpiste Berlins.<\/p>\n<p>Dies war der erste Moment, in dem ich  Lehmann Gewalt antat: Ich holte mit meinem Bein aus und trat ihn unter  dem Gebrauch gebr\u00e4uchlicher Schimpfw\u00f6rter mitten in die Weichteile. Aber  Lehmann r\u00fchrte sich nicht. Ich erhielt ein Feedback aus vollkommen  anderer und unerwarteter Richtung: Es fing an, in Str\u00f6men zu regnen.<\/p>\n<p>Meine Laune sank weiter in den Keller.  Hatte ich mich nicht zwei Stunden zuvor aus meinem Bett gek\u00e4mpft und in  mein goldgl\u00e4nzendes Haupthaar Heizlockenwickler gedreht?! Die Pracht war  dahin. Meine Selbstbeherrschung auch. Aber da ich die Gene einer  Kampf-Teutonin mein eigen nenne, wuchs in mir der Ehrgeiz, eine  Strategie f\u00fcr Lehmann zu finden.<\/p>\n<p>DER Lehmmann.<br \/>\nDER Koffer.<br \/>\nAuf einmal hatte ich nicht mehr das &#8222;Problem Koffer&#8220; zu l\u00f6sen.<br \/>\nNein. Es drehte sich um mehr. Es drehte sich um alles.<br \/>\nEs ging um den Kampf der Geschlechter.<br \/>\nUm den Sieg Mann gegen Frau.<\/p>\n<p>Scheinheilig l\u00e4chelnd b\u00fcckte ich mich zu  Lehmann herab und gurrte f\u00f6rmlich in seine Richtung: &#8222;Komm, mein Schatz,  der Weg ist noch weit. Und der Zug wartet nicht auf uns.&#8220; Ich stellte  Lehmann in die theoretisch (!!) optimale Rollausgangsposition auf den  Bordstein. Ich stellte mich neben ihn auf die Stra\u00dfe und rollte mich mit  meinem Oberk\u00f6rper leicht ein. Ein Auto kam und ich fand mich fast  \u00fcberraschend drunter.<\/p>\n<p>Ich sagte nichts, l\u00e4chelte nur wissend und  ging zum Angriff \u00fcber: Schritt f\u00fcr Schritt, von langsam zu schnell. Die  ersten f\u00fcnf Schritte verhielt sich Lehmann vollkommen kofferkonform. Er  tat das, was man von einem Koffer durchaus erwarten kann: Lehmann lie\u00df  sich willig hinter mir her ziehen.<\/p>\n<p>Neben meiner Freude kamen mir aber bereits  die ersten sorgenvollen Gedanken. Ich hatte zwar meinen Koffer gez\u00e4hmt,  w\u00fcrde aber sp\u00e4testens in 100 Metern R\u00fcckenschmerzen oder einen steifen  Nacken mein eigen nennen k\u00f6nnen, da ich neben Lehmann noch einen  schweren Rucksack mit diversen Schuhpaaren daran baumelnd, meine  Laptoptasche und mein rosa Handt\u00e4schchen zu meinem Gep\u00e4ck z\u00e4hlen konnte.<\/p>\n<p>Hatte ich nicht eigentlich noch gestern am  Telefon behauptet, nur das Notwendigste mitnehmen zu wollen?! Nur  Wanderklamotten und Joggingsachen? Ich erinnerte mich grau, in der Nacht  diverse R\u00f6cke, Blusen, Schuhe in meinem Koffer gesehen zu haben. Ich  fragte mich \u00e4ngstlich, wie wahrscheinlich es eigentlich ist, eine  achtst\u00fcndige Wanderung in einem luftigen rosa R\u00f6ckchen und mit einer  Bluse, die eigentlich ein Hauch von Nichts ist, zu machen. Ich sch\u00e4me  mich. Vielleicht remonstriert Lehmann ja auch zu Recht? Er war ja  anwesend bei meinem Plan, nur Minimalgep\u00e4ck zu laden.<\/p>\n<p>Aber wer gesteht sich schon Fehler ein.<br \/>\nIch jedenfalls nicht.<\/p>\n<p>Nun hatte ich also Oberwasser. Und au\u00dfer  meinem Problem, mir in Gedanken schon einen Termin bei einem  Physiotherapeuten besorgen zu m\u00fcssen, hatte ich das Gef\u00fchl, eine  Strategie f\u00fcr Lehmann gefunden zu haben. Sp\u00e4testens an dieser Stelle  h\u00e4tte ich misstrauisch werden m\u00fcssen. In der Welt l\u00e4sst sich M\u00e4nnliches,  sei es nun ein Gegenstand oder ein menschliches Wesen, nicht so einfach  bezwingen. Zumindest nicht in meiner.<\/p>\n<p>Ich hatte nicht einmal 50 Meter geschafft,  da meldete sich Lehmann erneut. Zuerst f\u00fchlte ich es ganz sachte am  Griff: ein leichtes Vibrieren, welches sich schrittweise zu realem  Schlingern entwickelte. Und als ob dass noch nicht genug w\u00e4re, erh\u00f6hte  sich der Schwierigkeitsgrad von Sekunde zu Sekunde. Jetzt hie\u00df es nicht  mehr nur ganz sachte geradeaus zu fahren. Nein. Durch den Platzregen  hatten sich diverse Pf\u00fctzen gebildet, die sich f\u00fcr Lehmann und mich zu  un\u00fcberwindlichen Hindernissen aufbauten.<\/p>\n<p>Zun\u00e4chst versuchte ich das Vibrieren zu  ignorieren und zog gro\u00dfe Kurven um die jeweilige Pf\u00fctze. Da ich ein  stolze Gr\u00f6\u00dfe von 183 Zentimetern mein eigen nennen kann und ich durchaus  proportional gebaut bin, habe ich relativ lange Arme, so dass ich in  der Lage war, den Schwenkradius um die Wasserlachen immer weiter zu  erh\u00f6hen. Angstvoll stellte ich fest, dass der Weg zum Bahnhof auf diese  Art und Weise wohl das Doppelte vom \u00dcblichen betragen w\u00fcrde. Im Laufe  der zur\u00fcckgelegten Meter musste ich beginnen abzuw\u00e4gen: die Gefahr in  Kauf zu nehmen, dass Lehmann wieder fiel oder einen leicht nassen Koffer  zu haben.<\/p>\n<p>Ich neige zum Pragmatismus: ich w\u00e4hlte die zweite Alternative.<br \/>\nLehmann wurde nass.<br \/>\nUnd Lehmann fiel.<\/p>\n<p>Ich war fertig. Ich holte erneut aus und  trat Lehmann nun laut und deutlich fluchend. Womit hatte ich das  verdient? Mich \u00fcberholten Rentner, Einbeinige, Blinde &#8230; In meiner  Phantasie sah ich bereits einen 80j\u00e4hrigen, der sich an mich wendete, um  mich zu fragen, ob er mir \u00fcber die Stra\u00dfe helfen k\u00f6nne. Ich h\u00e4tte &#8222;Ja!&#8220;  gesagt &#8230;<\/p>\n<p>Und mein Zug w\u00fcrde ohne mich fahren. Und  der n\u00e4chste w\u00fcrde erst in Stunden fahren. Und ich h\u00e4tte keine Platzkarte  und ich m\u00fcsste stehen und &#8230; und \u00fcberhaupt: ich muss erstmal eine  rauchen. Ok. Lehmann kann man nicht ziehen. Aber man kann auf ihm  sitzen. Zum Gl\u00fcck habe ich so viel eingepackt. Er ist dementsprechend  stabil. Ich sitze auf ihm, zweihundert Meter von meiner Wohnung entfernt  und mache meine erste Rast.<\/p>\n<p>Hatte ich schon erw\u00e4hnt, dass ich mitten  auf einer von Fu\u00dfg\u00e4ngern gut frequentierten Stra\u00dfe sitze? Ungl\u00e4ubige,  wertende Blicke treffen mich. Ja, glotzt ruhig! Ich sitze gerne im Regen  mit hundert Taschen auf einem Koffer inmitten von Berlin! Macht man das  nicht so?! \u00dcbrigens ich komme vom Dorf. Da hat man keinen Bahnhof und  da kann einem so was nicht passieren.<\/p>\n<p>Meine Blicke schwenken nach vorne. Ein  M\u00fcllauto steht nur zwanzig Meter von mir entfernt. Die beiden Fahrer  sitzen im Trockenen und schauen mich an. Sie grinsen. Haben wohl meinen  bis hierher zur\u00fcckgelegten Weg verfolgen k\u00f6nnen. Ich setze den  hilfsbed\u00fcrftigsten Blick auf, den ich kann. REAGIERT doch bitte! W\u00e4re es  denn zuviel verlangt, das warme und trockenen Fahrerhaus zu verlassen,  um im str\u00f6menden kalten Regen einer kleinen Frau mit einem gro\u00dfen  Problem zu helfen?<\/p>\n<p>Ganz offensichtlich: JA.<br \/>\nNun gut. Dann eben nicht. Ich schaff das schon.<br \/>\nBerlin ist eben und hat keine Berge. Ich kann den Ostbahnhof schon sehen.<br \/>\nAm Horizont. Relativ klein.<\/p>\n<p>Ich muss Meter schaffen. Ich greife durch  und fasse Lehmann am Griff und schleppe ihn mehr als ich ihn trage. &#8222;Und  bist du nicht willig, gebrauch ich Gewalt!&#8220; Die Entschlossenheit reicht  immerhin bis zur n\u00e4chsten Laterne.<\/p>\n<p>Es geht einfach nicht. Das eine Paar Schuhe  im Koffer ist offensichtlich zu viel f\u00fcr meine Muskelkraft. Durchweg  fluchend zerre ich Lehmann hinter mir her. Ich schleife ihn f\u00f6rmlich  seitlich neben mir her. Ich ignoriere ihn. Nein, er geh\u00f6rt nicht zu mir.  Und ich mag ihn nicht. Und er ist unpraktisch. Und ich kann nicht ohne  ihn aber auch nicht mit ihm. Wie Mann und Frau eben. Die Wut l\u00e4sst Kraft  in mir wachsen.<\/p>\n<p>Nur noch ein Hindernis liegt zwischen mir  und meinem Ziel: die befahrene vierspurige Stra\u00dfe, deren Fu\u00dfg\u00e4ngerampel  viel zu weit weg ist, als dass sie als erleichternde und mir vor allem  zeitgebende Alternative zur Wahl stehen w\u00fcrde. Da macht sich meine  Mutter Gedanken, dass mir etwas paasieren k\u00f6nne, so allein in den Bergen  umherwandernd. Dabei schaffe ich es wahrscheinlich nicht einmal bis zum  Bahnhof.<\/p>\n<p>Panik kommt in mir hoch. Um die Stra\u00dfe  \u00fcberqueren zu k\u00f6nnen, ist ein gewisses Tempo Grundvoraussetzung.  Auch  eine Rast w\u00e4re unm\u00f6glich. Man stelle sich vor: auf einer Hauptstra\u00dfe  sitzt mittendrin eine verzweifelte Frau auf ihrem Koffer und raucht  panisch. Ob das wohl eine Zeile in der Zeitung wert w\u00e4re? Wohl eher eine  Anzeige bei der \u00f6rtlichen Polizeiwache samt anschlie\u00dfender  Sicherheitsverwahrung.<\/p>\n<p>Wunder.<br \/>\nSie geschehen.<br \/>\nEine m\u00e4nnliche Stimme taucht in meinem R\u00fccken auf: &#8222;Kann ich ihnen helfen?&#8220;<br \/>\nJa. Bitte. Gleich hier und sofort.<\/p>\n<p>Ich sitze auf dem Bahnsteig. Mein Zug kommt in f\u00fcnf Minuten. Ich muss erstmal eine rauchen.<\/p>\n<p>Frauen und Koffer sind ein Ph\u00e4nomen. Sie  stopfen sie voll und sind dann \u00fcberfordert. Frauen und M\u00e4nner nehmen  sich auch nichts: sie stopfen sich gegenseitig mit Vorurteilen voll und  werden dann doch immer wieder \u00fcberrascht.<\/p>\n<p>Ich werde Ulli fragen, ob sie nicht einen anderen Mann, oh Pardon, einen anderen Koffer hat.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Tanne.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>03.12.2005<br \/>\n<strong>Nachtrag<\/strong><\/p>\n<p>Meine Mutter rief mich letzte Woche an.  Meine Eltern haben Lehmann entsorgt. Er h\u00e4tte seinen Dienst getan. Habe  ein schlechtes Gewissen. Hat mein &#8211; auch meinen Eltern gegen\u00fcber &#8211;  artikuliertes Geschimpfe \u00fcber Lehmann sein Leben verk\u00fcrzt?<\/p>\n<p>Ich werde Lehmann auf alle F\u00e4lle nicht vergessen.<br \/>\nMachs gut. Da oben im Kofferhimmel &#8230;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wer ist Lehmann? Lehmann ist &#8230; nein war der Weggef\u00e4hrte meiner besten Freundin Tanne. Sie hat aufgeschrieben, wie sie zusammen in ihren ersten gemeinsamen Urlaub starteten. 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